Das bisher gesammelte Presseecho:
Konzert-Kritik
Soundtrack zum Familientreffen
27.12.2011 | 17:57 Uhr
Herne. Die Formation Herner Kreuz lud zum traditionellen Weihnachtskonzert in die Sonne. Ein Besuch.
Wenn es ganz still ist, hört man es vor der Tür der „Sonne“: Dieses leise Rauschen vom Verkehr, das man kaum wahrnimmt, das aber nie verschwindet. Auch nicht an Feiertagen, so wie heute. Nur ein paar Meter von der Gaststätte entfernt trifft die A 43 mit leichtem Linksschwung auf die A 42. Ein paar Autos, schon wird es laut. Vom Rauschen hört man heute nichts. Es ist nicht still. Aus der Sonne dröhnen Herner Kreuz.
Es ist der 26. Dezember, es ist noch Weihnachten, es ist Zeit für die Sonne. Der 26., das ist Herner-Kreuz-Tag. Seit 2009 tritt die Formation zum Abschluss der Festtage in der Sonne auf. Wer will, kann das schon Tradition nennen. „Wir spielen hier immer besonders gerne“, sagt Gitarrist Holger Schmoll, „weil man von den Leuten so getragen wird.“ Die Leute, damit meint Schmoll das Publikum, die Zuhörer, Freunde. Die Sonne ist voll, man kennt sich. Herner Kreuz, der Soundtrack zum Familientreffen.
„Das ist eine Pflicht, hier hinzukommen“, sagt Wolfgang Stoye, einer, für den das Konzert zu Weihnachten gehört wie für andere die Gans. „Man trifft alte Bekannte“, sagt er, „und das, ohne sich abzusprechen. Man weiß einfach, der August spielt hier.“ Der August heißt eigentlich Rainer Koslowski, war Sänger der legendären Herne 3 und ist heute Kopf von Herner Kreuz.
Wenn er singt, kneift er grimmig die Augen zusammen, der Blick kanalisiert sich im Gesang. Manchmal hat er auch die Hand in der Hosentasche, das sieht abgezockt aus, aber er macht das ja auch nicht zum ersten Mal. Der Mann war mal in den Charts. Herner Kreuz ist Koslowski ist Herne 3. Das ist so. Kein Wunder also, dass das Quintett zwei Songs der alten Wegbereiter im Programm hat. Auch wenn die nicht so gut sind, wie manch’ andere Nummer, die die Band irgendwo zwischen Rock und Funk präsentiert. Gehört einfach dazu. So wie Herner Kreuz zu Weihnachten. Und das Rauschen bei Stille.
Wieder in Fahrt
Es gab Zeiten, da fiel ihm keine Zeile mehr ein. Nichts, das Hirn wie leer. Erschöpft die Kreativität eines Vollblutmusikers, dessen erster Hit „Immer wieder aufsteh'n” Herner jenseits der 40 heute noch zum reflexartigen Mitsingen zwingt. Vorbei. Jetzt „explodiert die Birne” wieder, freut sich Rainer Koslowski (56).
Der Frontmann der legendären Lokalmatadoren „Herne 3” steht am zweiten Weihnachtstag mit neuen Musikern auf der Bühne. „Herner Kreuz” nennt sich die fünfköpfige Formation, und wen wundert's, dass für die Premiere kein anderer Ort in Frage kam als die Mutter aller Kneipen: die „Sonne”.
Andreas „Zett" Zenker (42), Holger Schmoll (44), Thomas Spickhofen (45) und Hans Joachim „Jockel” Hamann (53) sind die Musiker um Rainer Koslowski, allesamt alte Hasen der Herner Rockszene. Zenker und Schmoll machen seit über 20 Jahren Musik, zuletzt bei „Sinister Urge”, Hamann ist das, was Rainer Koslowski „ein altes Herner Rock'n'Roll-Gesicht” nennt, bekannt vor allem durch die Sixties Revival Band und wie Koslowski 40 Jahre im Geschäft, während Spickhofen eigentlich Cellist ist.
Männer in den besten Jahren also, voller Tatendrang. „Das passt wunderbar”, schwärmt „August” Koslowski. Die Band gründete sich im Januar und stand im September das erste Mal gemeinsam für eine Demo-CD im Studio. In einem zähen demokratischen Prozess einigte man sich schließlich auf den Namen „Herner Kreuz”: ein Ort, an dem sich Stile begegnen und musikalische Wege kreuzen.
„Man tut sich zusammen und spielt”: So einfach läuft das, glaubt man Holger Schmoll. Kein Konzept, kein „Wir wollen klingen wie”, sondern einfach machen . . . Praktisch, dass Schmoll und Zenker nur vier Minuten auseinander wohnen: „Viele Songs sind am Küchentisch entstanden.” Die Texte schreibt Rainer Koslowski. „Nach vorne los”, „Keine Emotion” oder „Nur für dich” heißen sie, „Heimweh” und „Verlaufen”. Gute-Laune-Songs, wie man sie von der Rock-Röhre kennt, aber auch melancholische Lieder („Mein Trakehner-Herz, es brennt / Ich hab Heimweh, so Heimweh / Und der alte Mann, er rennt”). „Aus dem Herz und aus dem Bauch” kommen die Zeilen immer noch, sagt Koslowski, aber den „Hammer rausholen und draufhauen” ist sein Ding nicht mehr. „Die Texte sind besser als bei Herne 3”, ist der Sänger überzeugt: „reifer”, ja geradezu „sophisticated”.
Nach den Anfängen in einem Herner Bunker, an den sie schaudernd zurückdenken, haben die Musiker in einer Zechenkaue in Recklinghausen jetzt einen Proberaum de luxe gefunden. Dort treffen sie sich einmal in der Woche, mehr ist nicht drin. Denn bis auf Koslowski gehen alle bürgerlichen Berufen nach, sie sind Geograph und Erzieher, Journalist und Krankenwagenfahrer. Knapp 20 Songs mit Zugaben haben sie für den ersten Live-Auftritt am 26. Dezember (20 Uhr) in petto, vor allem „ehrlichen” Rock, aber auch vor Bossanova, Country und Folk schreckt die Band nicht zurück. Nur eins wollen die fünf Kreuz-Buben auf keinen Fall: klingen wie „ein Neuaufguss von Herne 3”. Karten gibt es ab Anfang Dezember in der „Sonne”, Shamrockstraße 121.